metapher bei gleichzeitiger Diffamierung der Dunkelheit setzt sich ungebrochen bis in die europäischen Aufklärung fort, mit dem einzigen Unterschied, dass an die Stelle des göttlichen Lichts nun das Licht der Vernunft gesetzt wird. Die vormals sündenbehaftete, satanische Dunkelheit wird nun zum Reich der Unvernunft, des Emotionalen, Wilden und Unkontrollierbaren, das es zu beherrschen gilt. Auf politischer Ebene schlug sich diese Denkstruktur unter anderem nieder in Form von Suprematie und Kolonialismus, die sich unter anderem auf die Fahnen schrieben, den zwar sonnendurchglühten, aber dennoch „dunklen“ afrikanischen Kontinent zu unterwerfen, um ihm das „Licht“ der Zivilisation zu bringen.

Erst mit der literarischen Romantik kehren die Dunkelheit und der Schatten als differenzierter Topos in das abendländische Bewusstsein zurück, vor allem im Motiv des Doppelgängers, wie wir es bei E.T.A. Hoffmann, Jean Paul oder später bei Edgar Allen Poe finden.
Der Doppelgänger stellt die abgespaltene dunkle Seite des Menschen dar, vor allem seine im christlichen Zusammenhang als sündig diffamierten Begierden und Triebe. Das plastischste Beispiel einer solchen Repräsentation der dunklen Seite schuf R.L. Stevenson mit seiner Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von 1886.

Vor diesem Hintergrund entwickelte schließlich Sigmund Freud seine Theorie des Unterbewussten. Das in das Dunkel Verdrängte wurde erstmals als maßgeblicher Impulsgeber aller menschlicher Handlungen benannt. In der Psychologie von C.G. Jung wurde es zum kollektiven Unterbewussten erweitert und individuell mit dem Archetypus des Schattens identifiziert. Das Dunkle wurde als integraler Bestandteil des menschlichen Geistes anerkannt und seine Erforschung gilt seitdem als ein Weg der Selbsterkenntnis und Heilung.

Mit diesem Schritt wurde auch das sog. Böse, das zuvor im Reich der Religion noch als konkrete und ursächliche Größe existierte, als bloßes Symptom 
entlarvt. Doch obwohl seit Freuds „Traumdeutung“ von 1899 die Polarität von Gut und Böse sowie von Licht und Schatten in Kunst und Literatur syste-matisch dekonstruiert worden ist, überlebte sie im populären und popu-listischen Zusammenhang unbeschadet das 20. Jhd., und tritt im 21. Jhd. noch immer im alten sowie in einem neuen Gewand in Erscheinung.
So erlebten wir nach dem 11. September einerseits das Postulat von sog. „Schurkenstaaten“ und die Auferstehung des Narrativs vom „bösen Mann“ als Wurzel allen Übels, der mal in Form von Gaddafi, Saddam Hussein oder Osama Bin Laden zur Strecke gebracht werden muss, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Andererseits sind wir Zeuge einer neuen Inkarnation der Lichtmetapher geworden, die unter dem Begriff der „Transparenz“ unsere Gesellschaft durchdringt und etwas hervorgebracht hat, für das der Philosoph Byung-Chul Han unter anderem die Bezeichnung „Positivgesellschaft“ gefunden hat.
„Transparent werden Dinge, wenn sie jede Negativität abstreifen, wenn sie geglättet und eingeebnet werden, wenn sie sich widerstandslos in glatte Ströme des Kapitals, der Kommunikation und der Information einfügen. Transparent werden die Handlungen, wenn sie operational werden, wenn sie sich dem berechen-, steuer- und kontrollierbaren Prozess unterordnen. (…) So manifestiert sich die Transparenzgesellschaft zunächst als Positivgesellschaft.“

In dem alles menschliche Denken, Fühlen und Handeln „durchleuchtet“ werden soll, um im Sinne einer reibungslosen Kommunikation alle vermeint-lichen Fehlerquellen auszuschalten, wird alles Dunkle und Unverständliche erneut diffamiert und deshalb verdrängt - oder vor der Öffentlichkeit verborgen. Denn der Zweifel, das Verharren, die Angst, das Begehren, alles Irrationale stehen dem erfolgreichen ökonomischen Prozess im Wege - aber nur der ist heute von Bedeutung. In dem vom Menschen verlangt wird, sein Handeln und sich selbst transparent zu machen, wird er unausgesprochen dazu gezwun-gen, seine dunkle, unerwünschte Seite zu leugnen.

Denn „Der Mensch ist nicht einmal sich selber transparent. Freud zufolge ver-
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