| neint das Ich
gerade das, was das Unbewusste schrankenlos bejaht und
begehrt. Das ,Es‘ bleibt dem Ich weitgehend verborgen. Durch
die menschliche Psyche geht also ein Riss, der das Ich nicht
mit sich selbst übereinstimmen lässt.“ So gerät der Mensch, von dem in unserem post-industriellen Zusammenhang eine utopische Übereinstimmung mit sich selbst, eine Nachvollziehbarkeit und Sichtbarmachung aller Regungen und Vorgänge gefordert wird, unter einen permanenten Optimierungsdruck, der nicht nur seine öffentliche, sondern auch seine private Person belastet. Als Beleg müssen wir uns nur vor Augen halten, wie viele Menschen sich daran gewöhnt haben, das eigene Leben nicht nur anhand seines Ausstellungswerts zu beurteilen, der ihm bei permanenter Zurschaustellung auf sog. sozialen Netzwerken zugemessen wird, sondern es schließlich sogar im Sinne dieses Ausstellungswertes zu gestalten. Doch was geschieht mit all den Vorgängen im Dunkeln, all den Ereignissen und Regungen, Gedanken und Begierden, derer wir uns im Licht der Öffentlichkeit schämen müssten, da sie sich nicht in den fließenden Prozess einfügen mögen? Sie erleiden das gleiche Schicksal wie unter dem Regime christlicher Moral, abgesehen von dem Detail, dass sie nicht mehr als „Sünde“ bezeichnet werden: Sie werden verdrängt und erzeugen das von Freud als „Unbehagen in der Kultur“ bezeichnete Gefühl, das sich vor allem in der Ausbildung von Schuldkomplexen, aber auch von Aggression zeigt. In seinem Hauptwerk „Lanark“ gibt der schottische Schriftsteller Alasdair Gray diesem psychosozialen Problem eine manifeste Form: In einer Art Limbus wächst dem Protagonisten Lanark, weil er ständig bemüht ist, seine inneren Vorgänge von der Außenwelt abzuschirmen und gleichzeitig um sich vor Verletzungen zu schützen, eine Drachenhaut. Dieser Panzer wird zusehends fester, und ihm steht schließlich eine vollständige Erstarrung bevor, während der steigende innere Druck droht, diesen endgültig verhärteten Panzer in einer tödlichen Detonation zu sprengen. |
Was Alasdair Gray vor vierzig Jahren
beschrieb, erleben wir in der Zeit der Pandemie und nach
der Erfahrung des Lockdowns in besonders drastischer
Weise. Vor allem in der Zeit der häuslichen Isolation
sind große Teile der Bevölkerung in Alltagsmuster
verfallen, deren Ausstellungswert gegen null geht und in
denen sich Negativität und Irrationalität entfaltet
haben. Das Spektrum dieser Verhaltensweisen reicht von
gemütlicher Verwahrlosung über Depression bis hin zu
häuslicher Gewalt.
Die Folge ist eine Abschottung dieser seelischen und faktischen Zustände von einer Öffentlichkeit, die ihrerseits z.B. via Zoom-Konferenz immer mehr einfordert in unsere Privatsphäre Einlass zu finden. Doch der Rückzug hinter einen verbergenden Verteidigungswall ist nur eine der möglichen Reaktionen. Eine andere ist die aggressive Projektion der dunklen, gesellschaftlich diffamierten und deshalb Schuldgefühle erzeugenden Aspekte unseres Selbst. Um das Gefühl der Schuld und Mangelhaftigkeit von uns selbst abzuwehren, wird es auf andere projiziert, auf unsere dunklen Doppelgänger, die als Sündenböcke attackiert werden können - ein klassi-sches, schon von C. G. Jung beschriebenes Muster. Dieser Zusammenhang führte Elke Suhr zu der Raumgestaltung ihrer Auss-tellung „Overcoming the Embrasure“, was übersetzt werden kann mit „Die Schießscharte überwinden“. In der Mitte des Raumes befinden sich zwei angedeutete Trennwände, die trapezförmig aufeinander zulaufen und sich schließlich wieder weiten, ganz so, wie es Schießscharten in mittelalterlichen Wehranlagen tun. Diese Schieß-scharten dienten aber nicht nur zum Abschießen von Pfeilen oder Bolzen, sondern wurden auch genutzt, um heißes, schwarzes Pech auf die Feinde zu gießen. Die architektonischen Metapher steht entsprechend sowohl für das Verteidigungsbollwerk, das wir um unser Selbst errichten, als auch für den Auslass der dunklen Aggression. Die Zeichnungen, Aquarelle und Objekte im Inneren der Struktur thematisieren entsprechend das verworrene Dunkel, das sich hinter unseren Verteidi-gungsanlagen aufstaut und seine Negativität akkumuliert, in all seinen |
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